Allgemein

Der Begriff „dissoziativ“ kommt vom lat. „dissociare“: trennen; trennen, was eigentlich zusammengehört. Im Alltag kennt man nicht-krankhafte dissoziative Zustände, wenn man z. B. so sehr in etwas vertieft ist, dass man alles um sich herum nicht mehr wahrnimmt.
Das „um sich herum“, das normalerweise integriert ist in die eigene Wahrnehmung, ist nun getrennt von derselben.

Dissoziative Störung mit religiösem Inhalt

ICD 10 führt explizit unter den dissoziativen Störungen „Trance- und Besessenheitszustände“ auf (F44.3), die unfreiwillig und ungewollt sind oder nicht von der jeweiligen Kultur oder Religion akzeptiert sind und somit als krankhaft eingestuft werden. Die neue ICD 11 differenziert diese Störung in 2 unterschiedliche Krankheitsbilder.

Im DSM 5 ist „Besessenheit“  Symptom einer dissoziativen Identitätsstörung (300.14; in der ICD 10 unter F44.81„ multiple Persönlichkeit[sstörung]“ gelistet ohne weitere Spezifikationen wie Besessenheit) oder einer „Näher bezeichneten dissoziativen Störung“ (300.15).

Unterschied zwischen beiden ist, dass sich bei einer dissoziativen Identitätsstörung die anderen multiplen Persönlichkeiten nicht an die Besessenheit erinnern  (Amnesie), während es bei der „näher bezeichneten dissoziativen Störung“ zu keiner  Amnesie kommt.

Differentialdiagnostisch (andere, aber ähnliche Erkrankungen) werden u.a.  Schizophrenie und Psychosen angegeben, die auch häufig in Komorbidität (lat. con: zusammen; lat. morbus: Krankheit) auftreten: also ein(e) Patient*in, der/die glaubt, vom Teufel besessen zu sein, kann zusätzlich zur dissoziativen Störung auch an Schizophrenie/Psychosen erkrankt sein.
Auch sind anorganische Ursachen zu denken wie Hirntumor oder Temporallappenepilepsie oder Drogen-Intoxikationen.

Die DSM V führt unter den „Näher bezeichneten dissoziativen Störungen“ (300.15) als eine der Ursachen dieser Störungen die Gehirnwäsche an, die ja auch in manchen religiösen Gemeinschaften und bei brutalen religiösen Erziehungsmethoden angewendet wird und zu einer Besessenheits-Erkrankung führen kann.

Was ist bei einem Besessenheitszustand getrennt, was normalerweise zusammengehört?
Auf der Glaubensebene ist das Böse vom Guten/Gott/dem Göttlichen getrennt und führt auf einmal als „Teufel“ ein Eigenleben. Gut und Böse gehören aber zusammen, das Göttliche ist sowohl gut als auch böse, weil das Böse Ursache des Guten ist und das Gute Ursache des Bösen.